Versteckte Kunstschätze - was wissen die Amerikaner?
Die Suche nach dem Bernsteinzimmer: Erschließung des Nikolaistollens geht weiter - Taucher sollen geflutete Teile untersuchen

Hora Svate Kateriny/Katharinaberg. Befinden sich in amerikanischen Archiven Dokumente über Kunstschätze, die in den letzten Wochen des Dritten Reiches im Erzgebirge versteckt wurden? Gehört möglicherweise das legendäre Bernsteinzimmer dazu?

Sechs Millionen Kronen hat die 300 Einwohner zählende böhmische Gemeinde Katharinaberg nach den Worten von Bürgermeisterin Eva Horakova bereits für die Erschließung des Nikolaistollens durch eine Spezialfirma ausgegeben. Ein gewisser Graham Smith tritt dabei als Sponsor auf. Der knapp 50-jährige amerikanische Geschäftsmann weiß über das Schachtsystem bestens Bescheid und verwendet modernste Geräte. Seine Detailkenntnis überrascht selbst die tschechischen Fachleute, erzählt Petr Pakosta, der die Arbeiten im Stollen leitet. Im Mai sollen Taucher geflutete Teile der Grube untersuchen.

65 Stollen gibt es im Gebiet von Katharinaberg und dem sächsischen Deutschneudorf, wenigstens zwölf waren während des Krieges noch offen. Bürgermeister Heinz-Peter Haustein ist überzeugt, dass in diesem Labyrinth Kulturgüter versteckt wurden. Ein anonymer Anruf war es, der zur Entdeckung des Fortuna-Stollens auf deutscher Seite führte, der nun als Schaubergwerk geöffnet ist.

In Dokumenten der Wehrmacht fand sich nach Recherchen von Freie Presse eine Spur, wie die Unterlagen in die Hände der Amerikaner gelangt sein könnten. Wenn es diese Papiere gab, befanden sie sich im Stab vom Generalfeldmarschall Ferdinand Schörner, Chef der Heeresgruppe Mitte. In einem Bericht vom 4. Mai an den Hitler-Nachfolger, Großadmiral Karl Dönitz in Flensburg, ging Schörner noch davon aus, dass seine Heeresgruppe in der Lage sei, den Großraum Böhmen/ Mähren zu halten.

Allerdings änderten der tschechische Aufstand am 5. Mai und das rasche Reagieren der sowjetischen Truppen die Lage dramatisch. In Flensburg und bei den Amerikanern handelte man schnell. Am Nachmittag des 7. Mai flog aus Dönitz’ Stab Oberst Wilhelm Meyer-Detering mit einer US-Maschine nach Pilsen und von dort mit einem Kleinflugzeug zum Stab von Schörner, der sich zwischen Teplitz und Saaz befand. Offiziell hieß es, Meyer-Detering werde Details der Kapitulation besprechen. Am 8. Mai flog der Oberst über Graslitz nach Eger und von dort nach Flensburg, wo er am 10. Mai Bericht erstattete.

Die Rote Armee war durch abgehörte Funksprüche über den unerwarteten Besucher im Bilde und reagierte ebenfalls. Etwa eine Stunde nach dem Start des Flugzeugs überrollten Panzer Schörners Stab. Was Meyer-Detering mitnahm, bleibt im Dunkeln. Fakt ist, dass die sowjetische Seite Hinweise auf den Nikolaistollen in Katharinaberg bekam. 1947 sowie 1952 und 1975, so weiß inzwischen Bürgermeister Haustein aus Archivunterlagen, untersuchten Spezialisten den Schacht. Zahlreiche Seitenstollen sind mit Gestein und Erde verfüllt. Gleisstücke liegen noch dort, ebenso ein Hunt. Ein Teil der Grube war schon damals geflutet.

Von Thorald Meisel
29.4.2002
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